Haare und Chemo

Vielen vielen Frauen sind ihre Haare extrem wichtig! Wenn sie ausfallen, ist es daher besonders schlimm; ein weiterer Angriff auf die Weiblichkeit! Aber vielleicht ist etwas von viel schlimmer: Von einem Tag auf den anderen ist der Krebs für jeden sichtbar  – auch für einen selbst, was vielleicht das Schlimmste ist. Es ist immer ein Unterschied etwas zu wissen, oder etwas zu sehen!

Angst vor dem Haarausfall hatte ich nicht, da ich schon mal raspelkurze Haare hatte und Mami oft mit Glatze gesehen habe. Wir sehen uns ähnlich und haben die gleiche Kopfform.

Als es dann los ging, war es doch anders, als gedacht: es tat weh! Solange die toten Haare noch im Kopf steckten, entstehen extreme Spannungskopfschmerzen. Erst als mir eine Freundin die Haare schor, ließen diese nach. Dann stand ich im Bad vor dem Spiegel: Ohne Haare und ohne Brüste. Nackter kann ein Mensch kaum sein. Dies war der Moment, in dem ich aus dem seit der Diagnose bestehenden Schockzustand aufgewacht bin. Dieser Zustand hatte mich bis dahin von allem abgeschottet: von der Diagnose, von Mamis Tod, vom Verlust meiner Brüste, von der Konfrontation mit dem Tod. Nun war nichts mehr zu leugnen. Alles an mir sah nach Krankheit aus. Es war aber auch ein Moment der Akzeptanz. Da ich immer erst Veränderung zulassen kann, wenn ich ein Scheitern, ein Ende oder sonst etwas akzeptiert habe, war ich in diesem Moment für meinen Neuanfang bereit. Natürlich kamen auch Trauer und Wut hoch, die in diesem Moment endlich greifbar wurden.

Jetzt – 5 Jahre später – ist die Wut gegangen und die Trauer milde geworden. Momente der Trauer bestehen heute eher aus dem Genuss der Erinnerungen – nicht mehr aus dem Bejammern oder Wiederherbeisehnen.

Ich hatte das große Glück, dass mir die Glatze stand. Die Leute auf der Straße waren größtenteils freundlich, im hippen Berlin ging ich teilweise als fashion-victim durch! Spielplätze waren damals der einzige Ort, an dem ich nicht so gerne war: Hier gab es doch regelmäßig vorwurfsvolle Blicke von Müttern, die ihre Angst vor der Konfrontation mit Krebs hinter ihren Kindern versteckten.

Dann entdeckte ich das Foto einer älteren Dame mit einem Hennatattoo auf der Glatze! Das wollte ich auch! Henna wird heilende Kraft nachgesagt und schick ist es auch! Ich fragte meinen Arzt, ob er wegen der Hennainhaltsstoffe Bedenken hätte, doch er wies mich lediglich darauf hin, es nur mit purem Henna ohne Zusatzstoffe machen zu lassen. Nach langer Suche – vergesst die Tattoostudios, die machen das nicht – fand ich eine Hennakünstlerin, die schon immer mal einen Kopf bemalen wollte! Nach 3 Stunden still Sitzen war die Hennapaste aufgetragen. In den nächsten 2 Tagen bröckelte sie ab und hinterließ ihr wunderschönes Muster. Es hielt ca. 3 Wochen. 2 Monate später habe ich es noch mal machen lassen. Es ist ja auch angenehmer, einen „wow-ist-das-cool“-Blick, als Mitleid auf der Straße zu bekommen.

Bei den ersten 3 Infusionen (roter Mix) fielen mir lediglich die Kopfhaare aus. Eine Woche nach der jeweiligen Infusion fingen sie immer schon wieder an, zu wachsen. Taxol war das Mittel der letzten 3 Infusionen. Dabei fielen mir alle Haare aus – ALLE! Den letzten Wimpern haben die Kids Namen gegeben und als sie ausfielen, durften sie sich was wünschen. Das mit den fehlenden Wimpern und Augenbrauen sieht natürlich nicht gesund und gut aus – das lässt sich aber mit ein wenig Übung nachmalen. Aber es ist doch toll, endlich mal alle Achsel-, Bein- und Schamhaare los zu sein! Copacabana for free!

Nach der letzten Infusion kamen die Haare sehr schnell wieder – ein wunderbarer Moment für die Kids zu erkennen, dass ich aus dem Weg der Besserung bin.

Die Haare kamen richtig schick wieder! Allerdings stand mein Aussehen dann in einem Widerspruch zu meinem körperlichen Wohlbefinden. Ein halbes Jahr habe ich mit der Fatigue gekämpft. In der Zeit gab es dadurch viele Mißverständisse mit meinem Umfeld. Die Menschen um mich herum wollen so sehr, dass es einem besser geht. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Heute weiß ich vielleicht, was ich hätte sagen können: Auch wenn ich wieder Haare habe, geht es mir noch nicht wieder gut. Und wenn ihr was Gutes für mich tun wollt – dann gebt mir einfach noch Zeit!

Familien-Krebs-Stigma?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten in der Geschichte meiner Familie, was die Krebserkranken anbetrifft:

Mein Opa mütterlicherseits hat im Krieg sehr gelitten. Er war ein ostpreussischer Offizier – extrem auf Gehorsam trainiert. Er hat Stalingrad überlebt. Er kam wieder und das einzige, was der über deb Krieg erzählt hat, war, dass er nie wieder jemandem gehorchen will und wird. Er war das erste mal frei. 2 Monate später erkrankte er an Krebs. 1 Jahr später war er tot. Mit ca. 45 Jahren.

Tante Ille (Opas Schwester). Sie hat im Krieg wohl einiges über sich ergehen lassen müssen und hatte eine sehr harte Zeit. Dann hat sie ein paar Jahre einen reichen Russen gepflegt – er starb und vererbte ihr seine Villa an der Krummen Lanke in Berlin. Sie war reich und frei und lebenslustig. 2 Jahre später starb sie an Krebs. Mit knapp 50.

Mamis erste Krebsdiagnose kam 3 Monate nachdem ich ausgezogen war – Nachdem sie und Peter das erste mal ungebunden von der Verantwortung zu Ellen und mir waren. Ihre 4. Krebsdiagnose, die halsbrecherisch war (aus der sie quasi nicht mehr herauskam), kam 2 Tage nach der Feier der Frühpensionierung – nachdem sie mehrere Krebsdiagnosen erfolgreich bekämpft hatte – und wieder nicht richtig frei mit Peter sein konnte. Sie hat Omi noch sehr betreut und kaum war Omi tot, wurde die Krankheit schlimmer.
Sie starb einen Monat nach Einsetzen von Peters Frühpension – jetzt hätten sie zusammen endlich Zeit gehabt.

Nun ich:
Mit 8 stellte man eine Nierenerkrankung fest. Die Folge: 1 Monat Krankenhaus und das ganze Jahr über musste ich jedes Wochenende ins Krankenhaus. Dazu durfte ich ein Jahr lang nicht schwimmen. Danach wurde ich Leistungsschwimmerin. Mit 15 dann die nächste Diagnose: Epilepsie. Ich habe mich nie unterkriegen lassen. Auch nicht nach all dem anderen Mist, der mir in meinem Leben passiert ist. Ich war immer extrem fleissig und habe mich hochgearbeitet. Als ich endlich glücklich verheiratet war, 2 tolle gesunde Kinder hatte, keine Geldsorgen, gutaussehend, anerkannt – da kam der Zusammenbruch – Unterstützt von der Überdosierung eines lähmenden Antiepileptika.
Kaum hatte ich dies erfolgreich bekämpft: Da stirbt meine Mutter und bei mir wird Brustkrebs diagnostiziert. Amputation, Chemo ..Das ist gemein!

Ist das ein Famlienstigma gegen Freiheit?
Was soll ich tun?